Sei offen für Neues denn Linux lässt sich nicht erzwingen

Manchmal bin ich etwas übermotiviert und ärgere mich dann, dass ich wieder einmal zu viel Zeit investiert habe, um jemand anderem die Segnungen von Linux näherbringen zu wollen.
Ich selbst würde mich nie als Jünger bezeichnen und dogmatisches Festhalten an irgendwelchen Produkten ist mir fremd. Linux hat sich irgendwann einfach so ergeben. Ich war unzufrieden mit den Bugs und Abstürzen von Windows 98 und enttäuscht von der Alternativlosigkeit im OS-Bereich, weswegen ich vor 10 Jahren den Schritt zu Linux gegangen bin.
Mehr bleibt auch nicht zu sagen. Es läuft seitdem einfach und den Umstieg habe ich nie bereut. Meiner Familie ist das natürlich auch nicht entgangen.
Als mein Vater mir wieder stolz von seinem neusten Registry-Cleaner erzählte, der auch wirklich die letzten Schurkeneinträge aus Windows entfernte, erspähte er wohl aus den Augenwinkeln mein leichtes Gähnen.
Eines Tages verkündete er plötzlich, dass er gerne Linux nutzen möchte. Hatte ich mich da gerade verhört? Ich war damals schon froh gewesen, dass es mir gelungen war ihn zumindest für Firefox und Openoffice zu begeistern. Jetzt noch der komplette Umstieg auf Linux?
Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme und schlug unverzüglich Ubuntu als Einstieg vor. Mit Wubi eine Dual-Boot-Installation zu Windows, das erschien mir erst einmal genau richtig.
Kurze Zeit später saß er vor seinem Rechner und klickte auf sein neues Linux als es ihm entfuhr: “Die Programme heißen ja alle ganz anders”. “Ähm ja, das ist ja auch Linux.” “Hmm” “Und mein Emailkonto muss ich auch neu einrichten?”
30 Minuten später kam es wie es kommen musste. Ich sollte alles wieder deinstallieren. Er hatte keine Lust sich umzugewöhnen.
Man könnte meinen, so etwas betrifft nur die “ältere” Generation. Eines besseren belehrte mich ein sehr guter Freund, der das Pech hat mich und einige andere Leute zu kennen, die regelmäßig mit Linux arbeiten.
Ich schwöre, dass ich nur beiläufig von Linux erzähle, wenn wir uns treffen und er auf mich zugekommen war. 😈
Einen Nachmittag lang installierte und konfigurierte ich seinen Laptop für Ubuntu, erklärte alle wichtigen und notwendigen Dinge und verließ ihn mit dem Gedanken eine gute Tat vollbracht zu haben.
Eine Woche später: “Na und wie gefällt dir Ubuntu?” “Der Drucker wollte irgendwie nicht. Habs wieder runtergeschmissen.” 🙁
Was soll man da noch machen? Man kann noch so viele HowTos und Leitfäden schreiben, sachlich und geduldig erklären und sich sogar persönlich Zeit nehmen.
Das alles ist zum Scheitern verurteilt, wenn der- oder diejenige nicht bereit ist sich auf etwas Neues einzustellen und damit zu beschäftigen. Ohne Eigenmotivation geht es einfach nicht.
Es ist nun nicht so, dass das Problem sich nur auf den Umstieg von Windows auf Linux beschränken würde. Selbst innerhalb der Linuxgemeinschaft ist dieses Phänomen verbreitet.
Firefox mit 15 geöffneten Tabs läuft nun mal nicht wirklich zügig auf einem PII 300 MHz mit 64 RAM und auch Banshee wird keine Geschwindigkeitsrekorde beim Starten aufstellen. Eine Standard-Ubuntuinstalltion verweigert gleich mal den Dienst. Doch Debian oder Slitaz und ein paar adäquate Programme können wieder frischen Wind herein bringen.
Es spricht nichts dagegen das Programm der Wahl zu nutzen, wenn die Hardware das alles hergibt. Es ist aber einfach nur falsch zu behaupten, man bräuchte einen neuen Computer zum Musik hören, weil die neuste Generation von Musiksoftware sich nun mehr als Video-Multimedia-Einkauf-Brennprogramm versteht und den RAM gerne für sich alleine hat.
Es liegt immer an einem selbst und an den eigenen Erwartungen und mit etwas Aufgeschlossenheit und Interesse, erkennt man dann auch die Schönheit des Schlichten.
Was mir zum Schluss noch einfällt. Das tolle an einem Blog ist, dass jeder der sich hierhin verirrt schon den wichtigsten Schritt getan hat. Denn jeder Suche nach Informationen zu Linux geht zumindest etwas Eigenmotivation voraus. 😉

9 Replies to “Sei offen für Neues denn Linux lässt sich nicht erzwingen”

  1. Der Großteil der Nutzer möchte sich weder mit dem Betriebssystem auseinandersetzen, noch sich in irgendeiner Weise umgewöhnen. Ich vergleiche das immer ganz gerne mit dem Auto: Wie viele Leute kennst du, die sich ernsthaft mit der Automobiltechnik auseinandersetzen und selbst am Auto Hand anlegen? Genauso ist es bei Computern auch – für viele wäre ein Mobiltelefon in Computergröße eher geeignet. Man hat zwar einen reduzierten Funktionsumfang, aber es funktioniert alles (wenn auch nur innerhalb eines reduzierten Umfeldes).
    Gruß
    Daniel

    1. Da gebe ich dir vollkommen Recht. Das sehe ich auch genauso. Die Crux bei der Sache war nur, dass beide von sich aus Linux installiert haben wollten, aber in Wahrheit keine Lust hatten sich tatsächlich näher damit zu beschäftigen. Mein Punkt war, dass das aber die Voraussetzung ist, um wirklich ein neues Betriebssystem zu verstehen. Selbst bei einer Schritt für Schritt Anleitung können unvorhergesehene Probleme auftreten und du musst dich auf die Suche nach einer Lösung begeben. Wenn es aber schon bei der Motivation scheitert, lässt sich der Umstieg auch schon gar nicht erzwingen.
      Es ging hier also gar nicht mal um die Automobiltechnik, hier wollten die zukünftigen Autofahrer nicht mal das Handbuch lesen oder Autofahren lernen. 😉
      Mir ist es wichtig, das folgendes rüber kommt. Ich lese immer wieder Linux und Software im allgemeinen müsse einfacher und zugänglicher werden. Ich denke, eine Ubuntu Installation ist heute schon einfacher als eine Windows Installation. Aber egal wie benutzerfreundlich du Software gestaltest, das ersetzt nicht ein Mindestmaß an Interesse dafür. Windows musste man auch mal “lernen” und Probleme gab und gibt es dort auch. Offen sein für Neues heißt für mich nicht, dass man ein Computerfreak sein muss. Das ist für mich mehr eine Geisteshaltung und das hat nichts mit Intelligenz zu tun.
      Gruß
      Markus

  2. Wohl wahr. Ich vermute aber, dass er gar keine Lust hatte, Linux überhaupt weiter zu verfolgen. Das meinte ich mit dem “offen sein für Neues”.

  3. Hihi, nicht umgewöhnen. Der Umstieg auf Linux 2008 war noch leicht. Wir hatten eine Hackerbande am Hals und ich hatte noch 8mb von 2GB RAM. Mein Männe kaufte ein Heft in dem eine DVD mit 10 Linuxen war, mit einer Liveversin Kanotix, war ich sofort wieder “frei”. Danach legte ich los, begann mein erstes Dualboot, was eine Woche später von Opensuses neuem Yast aufgefressen wurde. Mit Ubuntu 8.04 lief es besser, (bis zu einem Crash mit Kernel-Panik, dessen ursachen ich jetzt kenne…. seither bin ich aber auch eine echte Experimentier-Ratte geworden, und mein Mann sagte doch direkt mal, wenn er sich dauernd umgewöhnen muss, fehlt ihm die Zeit zum Denken, ich möge doch bitte alles verkneifen, was dazu führt, dass er sich umgewöhnen muss.
    Aber der Windowsnutzer muss doch auch umdenken, wenn er von Win95 bis Win8 umsattelt, die sahen auch immer etwas anders aus, wobei die Struktur gleich bleibt, und das ist doch in den meisten Linuxen auch der Fall. Es unterscheidet sich vllt die Grundidee (dann hat man Glück gehabt, und schlimmstenfalls, hat mannur einen anderen Screen als Hintergrund. Es ist aber eben so, dass viele den Umgang mit der Konsole fürchten. Es hält sich ja hartnäckig, unter Halbwissenden, dass man für Linux ein paar Hyeroglyphen beherrschen muss. Und die behauptung, dass einem das nicht liegt, dabei hat man meist nur angst was falsch zu machen, dabei passieren auch einem geübten Anwender mal Fehler, nur macht man da kein fass auf, sondern übt solange bis der Fehler ausgemerzt ist, Fehler sind eigentlich doch was sehr gutes, wenn man lernen mag.
    Und ja – man muss einen gewissen Einsatz mitbringen. Und da ist es wie mit dem Frühjahrsputz in der Wohnung…..

  4. Danke, dass du mich in meiner Linuxsicht bestätigt hast. Ich denke nämlich auch, wenn man sich die Fähigkeit erhalten hat Neues dazulernen zu wollen, dann stellt man fest, dass es noch viel zu entdecken gibt und schließlich macht es auch Spaß. 🙂

  5. Hallo Apo,
    ich denke ebenso und möchte noch folgendes dazu sagen. (Verzeihung ist lang geworden und hoffenlich nicht zu sehr vom thema abgedriftet)
    Also ich denke, die Fähigkeit der gezielten Neugierde und die Bereitschaft zum (dazu-)Lernen, einschließlich, dass man auch Fehler und Misserfolge einzustecken vermag, sind ein Jungbrunnen und gewissermaßen ein Lebenselixier. Schau dir Leute an, die die Schule nach der 10.Klasse verlassen, und Ne Lehre gemacht haben, und dann meinen, das reicht fürs ganze lange Leben – wie alt solche Menschen schnell wirken, ud hingegen eine alte Dame die noch lernt auf der gitarre zu klimpern, wieviel jugendlicher Elan liegt in diesen Augen, und wie wenig bedeuten altersbedingte Veränderungen, weil es einen Ausgleich gibt, der durch nichts zu ersetzen ist. Die meisten forscher werden doch steinalt! und das liegt sicher nicht nur an den Genen, sondern weil sie spaß an den erwähnten Dingen haben.
    Jedenfalls ist das meine Erkenntnis, seit ich durch schwere Krankheit bedingt nur die Wahl hatte mich ins Bett zu legen und zu warten bis es vorbei ist, oder ich lenke mich mit der leichten Beschäftigung mit den Möglichkeiten an einem Computer ab und nutze die Zeit wo ich nicht genug Kraft habe überhaupt körperlich aktiv zu sein. Das funktioniert schon 10 Jahre, und ich habe oft über meine Prognose nachgedacht, und bin natürlich froh, dass ich inzwischen doch wieder, wenn auch begrenzt, einige normale Aufgaben im Alltag bewältige – insofern ist es auch ganz gut, wenn ich eine schiefgelaufene Installation nicht sofort verfolge bis ich es gelöst habe. Weil du vom Bestärken sprichst: Einige Freunde belächeln mich für mein PC-Hobby und meinen ich könnte nützlicheres machen, als Hausfrau und führen immer an, warum sie dieses und jenes einfache Ding nicht erledigen können, weil sie sooo viel zu tun haben. Doch auch eine Hausfrau sollte mehr Hobbys haben als die lebenswichtigen Aufgaben mit Pfiff zu erfüllen. Und wieso muss alles perfekt sein was man anfasst? Da gibt es m.E. noch viel zu tun. wenn Kinder zum Lernen in die Schulen geschickt werden. Spätestens dort, wenn nicht schon zuhause, muss das Entdecker-ego auf Lebenszeit geweckt werden, statt es zu terminieren für eine Periode im Leben.
    Es macht riesigen spaß sogar – wenn man halt ein Entdecker ist.
    Viele Grüße

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