Debians offizielle Multimedia-Pakete kontra deb-multimedia.org

Erst kürzlich ist mir aufgefallen, dass ein Namenswechsel stattgefunden und debian-multimedia.org sich in deb-multimedia.org umbenannt hat. Christian Marillat, langjähriger Debianentwickler und Verantwortlicher dieses inoffiziellen Debian-Repos für Multimedia-Software, tat dies aber nicht freiwillig. Am 5. Mai 2012 wurde Christian von Stefano Zacchiroli, seines Zeichens zum dritten Mal wiedergewählter Anführer des Debianprojekts, aufgefordert auf die Differenzen zwischen ihm und dem Debian-Multimedia-Team einzugehen oder sich ausdrücklich von dem Namen Debian in seinem Webauftritt zu distanzieren.

Er zog Letzteres vor und benannte die bekannte Domain debian-multimedia.org in deb-multimedia.org um. Zur Zeit gibt es noch eine Umleitung und auch die alten Einträge in der sources.list funktionieren noch. Das wird sich in ein paar Monaten aber ändern.

Die Geschichte

Was war passiert? Nun zum einen achtet Debian seit einiger Zeit verstärkt darauf, dass Domains, die in ihrer Bezeichnung den Namen Debian tragen, von offiziellen Debianentwicklern geführt werden, weswegen meine Anfrage für debiangames.de auch zum Scheitern verurteilt war. Nun war mir von vorne herein bewusst, dass meine Chancen schlecht standen, debian-multimedia.org gab es aber schon seit zehn Jahren und so ziemlich jeder, der mit Debian in Berührung kommt, stößt irgendwann auf Christian Marillats inoffizielles Multimedia-Archiv.

Das Problem lässt sich leicht erklären. Die Chemie stimmt zwischen dem offiziellen Multimedia-Team und Christian Marillat nicht mehr. Nachzulesen unter anderem in der FAQ von Debian-Multimedia oder diesem Beitrag auf der Mailingliste der Debian-Entwickler, dessen Betreff, „debian-multimedia.org considered harmful“, für sich spricht. Die Zusammenarbeit, wenn man davon überhaupt sprechen kann, ist so zerrüttet, dass keine Absprachen zwischen dem offiziellen Team und Christian Marillat mehr stattfinden.

Durch die eigenwillige Benennung seiner Debianpakete werden diese selbst dann installiert, wenn sie in Debian in einer neueren Version vorliegen sollten. Durch das Mischen unterschiedlicher Versionen kommt es jedoch bei manchen Nutzern zu Bugs und Abstürzen. Da manche debian-multimedia.org für eine offizielle Debian-Domain gehalten haben, wurden Fehlerberichte eben auch für Debian verfasst, womit die Paketverwalter aber nichts anfangen konnten und genervt die Fehlerberichte wieder geschlossen haben. Der Konflikt war also vorprogrammiert.

Debian-Multimedia.org ist deswegen so bekannt, weil es seit zehn Jahren die wohl einzige externe Quelle war, wo man problematische Multimedia-Software für Debian ohne Umstände herunterladen konnte. Wobei „problematisch“ mit Patenten behaftet und nicht DFSG-konform bedeutet. Hier konnte man schon sehr früh die Software finden, mit der es möglich ist DVDs auf dem heimischen PC abzuspielen oder erste Debianpakete von Mplayer bewundern.

Die Multimedia-Situation hat sich nach und nach in Debian gebessert. Zum einen hat das Multimedia-Team gute Arbeit geleistet und wichtige Codecs und Software DFSG-konform nach Debian bringen können. Dazu musste die Software oft aufwendig analysiert und unfreie Komponenten entfernt werden. Natürlich kostet das mehr Zeit als einfach alles so zu belassen und dem Nutzer ein unfreies Paket vorzusetzen.

Zum Anderen gab es letztes Jahr einen Lichtblick in der Patenthölle. Zusammen mit Rechtsanwälten des Software Freedom Law Center und dem Debian-Projekt wurde eine FAQ zum Thema Patentrichtlinie erstellt. Hierin werden Entwicklern von Freier Software Wege und Verhaltensweisen aufgezeigt, um sich im Einklang mit bestehendem Recht zu bewegen.

Dabei wurde deutlich, dass es durchaus rechtmäßig sein kann patentbehaftete Software in einer Distribution wie Debian zu vertreiben, wenn man gewisse Punkte beachtet. Interessanterweise scheint es (in den USA) umso unwahrscheinlicher zu sein, wegen willentlicher Patentrechtsverletzung angeklagt zu werden, je weniger man von dem eigentlichen Patent weiß und je geringer der kommerzielle Nutzen ist, den man aus dem Patent für sich selbst zieht. Wer jetzt die Augenbraue hebt, sollte sich den ganzen Text mal selbst durchlesen. 🙂

Das eröffnet Problempaketen wie Avidemux die Chance, das übrigens seit neun Jahren auf die Aufnahme in Debian wartet, tatsächlich in Debian zu erscheinen. Es sei denn natürlich die technischen Probleme lassen sich lösen…Ein interessanter Fehlerbericht mit Sprüngen von teilweise 2 Jahren zwischen einzelnen Posts. 😉

Doch genau solche Pakete wie Avidemux gibt es eben schon seit einer Ewigkeit bei deb-multimedia.org. Ein Grund warum Linux Mint Debian diese externe Quelle standardmäßig freischaltet und mit verbesserten Multimediafähigkeiten wirbt, dabei aber unter den Teppich kehrt, dass Softwarefreiheit nicht ganz so ernst genommen wird.

Die Alternativen

  1. Probiert immer zuerst die Multimedia-Software in Debian selbst aus. In den meisten Fällen ist die offizielle Software nämlich ausreichend, um Videos und Musik anschauen und hören zu können.
  2. Treten tatsächlich einmal Probleme mit dem Abspielen auf und weder Totem mit Gstreamer, Mplayer oder VLC können weiterhelfen, dann greift auf die Backports zurück. Denn wahrscheinlich benutzt ihr Debian Stable und benötigt lediglich eine neuere Version eurer Software.
  3. Wenn alles versagt und sozusagen als letztes Mittel: Schaltet deb-multimedia.org frei und installiert euch die w32codecs, libdvdcss2 und Avidemux, wenn ihr sie denn tatsächlich brauchen solltet. Ich hatte persönlich noch nie größere Probleme mit Christian Marillats Software. Ich gebe aber zu, dass ich ziemlich enttäuscht bin, wie er auf die öffentliche Aufforderung von Stefano Zacchiroli reagiert hat.

Apt-Pinning

Um mehr Kontrolle über Drittquellen wie deb-multimedia.org zu haben, könnt ihr diesen Paketen eine niedrige Pin-Priorität zuweisen und mit Apt-Pinning arbeiten. Ersetzt einfach „testing“ mit eurem bevorzugten Debian-Repo. Die Datei /etc/apt/preferences sieht z.B. so aus.

Package: *
Pin: release o=Debian, a=testing
Pin-Priority: 990

Package: *
Pin: origin www.deb-multimedia.org
Pin-Priority: 101

Zusätzlich muss noch diese Zeile in /etc/apt/sources.list nachgetragen werden.

deb http://www.deb-multimedia.org testing main non-free

Jetzt solltet ihr aber keine Fehlerberichte mehr an den Bugtracker von Debian schicken. 😈

2 Replies to “Debians offizielle Multimedia-Pakete kontra deb-multimedia.org”

  1. Schoener, sehr informativer Artikel! Vielen Dank dafuer. Habe nach so etwas gegoogelt, nachdem ich just vorgestern den naheliegenden Anfaengerfehler gemacht habe: Gerade von einer anderen Distribution kommend wollte ich unbeding wieder mein altgewohntes „acroread“ haben. Schnell war ich bei deb-multimedia.org angelangt. apt-get update … und … reflexhaft (Anfaengerfehler, schaetze ich) apt-get UPGRADE. SCHWERER FEHLER!! Zig Pakete, die gar nichts mit acroread zu tun hatten wurden auf mein System gezogen und ploetzlich hatte ich keinen Sound mehr und auch die Mediathek funktionierte ueberhaupt nicht mehr. Was folgte waren Stunden des Hackings, um alles wieder Rueckgaengig zu machen. Die Finale Loesung war, die bereits gemachten Konfigurationen zu sichern (/home ist eh auf einer eigenen Partition) und alles neu zu installieren. Heute bin ich zwei Tage weiser, mit documentviewer erst einmal zufrieden. libdvdcss2 habe ich sehr gezielt von deb-multimedia.org gezogen (beicht. Aber es funktioniert!) und danach sources.list ganz schnell wieder vom gefaehrlichen Repository bereinigt und apt-get update ausgefuehrt. Diese Erfahrung will ich an dieser Stelle ins Netz blasen. Der Artikel half mir jedenfalls sehr, meinen eigentlich sehr starken Glauben an Debian (ein lockere Liebe, wenn auch nicht frei von Seitenspruengen, seit 15 Jahren) zu sichern.

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