Gnome 3: neu, modern und nur noch etwas ungewohnt

Am 6. April wurde Gnome 3.0 von den Entwicklern freigegeben, was aber nicht gleichzeitig bedeutet, dass Gnome 3 schon vollständig in meinem frisch installierten wheezy angekommen wäre. Zumindest im experimentellen Zweig von Debian tauchen schon die ersten Pakete mit Versionsnummer 3 auf.
Momentan habe ich kein Interesse Debian Testing mit experimentellen Paketen zu mischen. Es gibt andere Möglichkeiten Gnome 3 vorab zu testen. Wer dennoch die neue Desktopumgebung mit Debian ausprobieren möchte, sollte einen Blick auf das englische Blog von Raphaël Hertzog werfen, der seine Erfahrungen als Paketersteller für Gnome 3 beschreibt und gleichzeitig erklärt wie sich die Pakete von Experimental installieren lassen. Stichwort: Apt-Pinning und man apt_preferences
Ich habe den anderen Weg gewählt ohne das bestehende System zu ändern und mir die OpenSuSe und Fedora Live CD von gnome.org angeschaut.
Als Einstimmung sind auch die Videos auf gnome.org hilfreich. Absolut lesenswert sind die Beiträge zu Gnome 3 auf den bekannten Nachrichtenportalen heise.de und vor allem der hervorragende Artikel von Andreas Proschofsky auf derStandard.at.
Die 64 bit Variante von OpenSuse hat sich aus unerklärlichen Gründen nicht bereit erklärt auf meinem Dual Core Rechner ohne Fehler zu booten und mit dem abgesicherten Modus konnte ich die Fähigkeiten von Gnome 3 leider nicht testen, worauf ich zur Fedora 32 bit CD gegriffen habe.
Gnome 3 ist neu, Gnome 3 ist modern, Gnome 3 ist anders, so weit nicht überraschend. An der gewohnten Philosophie von Gnome, sinnvolle Voreinstellungen zu verwenden und den Nutzer nicht mit unnötigen Details zu verwirren, hat sich nichts geändert.

Vielleicht haben es die Entwickler aber an manchen Stellen zu weit getrieben. Wo ist die Einstellung, mit der ich die Schnellstartleiste „Dash“ anders positionieren kann? Ausschalten fehlt leider standardmäßig und kann nur durch Drücken von ALT angezeigt werden. Immerhin gibt es schon das GnomeTweakTool, ein erstes Werkzeug zum Anpassen.
Das Konzept der neuen Gnome Shell hingegen ist faszinierend. Anfangs versuchte ich noch gewohnheitsmäßig mit der Maus an der oberen Activities Leiste ein Anwendungsmenü zu öffnen und erwischte dabei nur den Punkt in der linken oberen Ecke, der die Favoriten aufklappen lässt.
Doch alle Anwendungen und Informationen befinden sich nun sozusagen direkt auf dem Desktop und können mit der Maus durchsucht werden.
Das fühlte sich aber noch nicht „richtig“ an. Spass machte es erst als ich die Linuxtaste nutzte, mit der sich zwischen der Fenster- und Anwendungsansicht wechseln lässt.
Erst ein Druck auf diese Super-Taste und dann die ersten zwei bis drei Anfangsbuchstaben der Anwendung eingeben und die Auswahl wird auf ähnlich Programme eingeschränkt. Mit den Pfeiltasten für Hoch und Runter und einem abschließenden Enter ist eine Anwendung im Handumdrehen gestartet und lässt sich auch bequem mit der Maus in der Dash ablegen.
Dass Compiz nicht mehr mit dem neuen Gnome funktionieren würde, hatte ich anfangs immer für einen großen Nachteil von Gnome 3 gehalten. Mittlerweile sehe ich es differenzierter.
Es gibt nur wenige Compiz Effekte, die für mich tatsächlich das Desktoperlebnis verbessern. Dazu gehört mit Sicherheit der Skalieren-Effekt, welcher mehrere Fenster übersichtlich darstellt und diesen hat die neue Gnome Shell schon integriert.
Ansonsten sind die Effekte eher dezent, funktionieren aber schon problemlos mit Nouveau, dem Open-Source-Treiber für Nvidia-Grafikkarten. Optische Spielereien wie wackelnde oder brennende Fenster brauche ich nicht. Wer den Desktopwürfel zum absoluten Muss erklärt hat, hat vielleicht ein Problem.
Ich mag die grundlegenden Ideen, die hinter Gnome 3 stecken und finde das Gesamtkonzept stimmig. Das Minimieren und Maximieren nun fehlen stört mich nicht im geringsten. Es ist einfach nicht mehr notwendig. Cool ist auch die integrierte Fähigkeit Desktopvideos mit der Kombination Ctrl+Shift+Alt+R zu erstellen, einer der vielen Tipps aus dem CheatSheet.
Trotzdem fühlt man sich an mancher Stelle zu eingeschränkt und wünscht sich mehr Gestaltungs- und Auswahlmöglichkeiten. Die ersten Themen für Gnome 3 sehen auf jeden Fall schon vielversprechend aus.
Zeitgeist wird sicher in Zukunft eine starke Rolle in Gnome spielen, da die Idee ereignisorientiert zu suchen viel natürlicher ist als die reine Suche nach Dateinamen. Momentan scheint es jedoch als ob sich die Geschichte mal wieder wiederholen würde.
Auch in der Übergangsphase von Gnome 1 zu 2 war noch nicht alles perfekt und nach und nach wurden die alten GTK1 Anwendungen auf GTK2 portiert und weitere Verbesserungen implementiert. Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass es noch 1 bis 2 Jahre dauern wird, bis die richtige Balance zwischen Einfachheit und Konfigurierbarkeit gefunden wurde, die Mehrzahl der GTK2 Anwendungen angepasst und die ersten Vorbehalte verschwunden sind.
Fürs Erste freue ich mich auf Gnome 3 in Debian. Auch wenn es keinen meiner älteren Laptops antreiben wird, fügt es dennoch erneut ein Stück Vielfalt und Auswahl zu Linux hinzu.

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