Debian Wheezy, KDE 4.8 und die Netzinstallation

Wenn man das letzte Jahr Revue passieren lässt, kommt man fast gar nicht auf den Gedanken, dass es neben Gnome 3 noch eine andere große Desktopumgebung für freie Betriebssysteme gibt und die heißt KDE. Erstmals 1996 ins Leben gerufen ist es weiterhin deren Ziel eine einheitliche Softwaresammlung anzubieten und ein konsistentes Desktoperlebnis zu erschaffen.
Im Gegensatz zu Gnomes GTK-Bibliothek wird zur Darstellung der grafischen Oberfläche jedoch QT verwendet. Sowohl GTK- als auch QT-Programme lassen sich bei Debian parallel installieren und optisch so konfigurieren, dass sie sich in die jeweilige Desktopumgebung einfügen, was im Jahr 2012 keine größeren Probleme mehr bereitet.
Im folgenden beschreibe ich als Teil meiner Debian-Anleitung, wie man in wenigen Schritten von einer Netzinstallation zu einer vollständigen Desktopumgebung mit Debian und KDE 4.8 kommt.

Installation von KDE

Ebenso wie bei der Installation mit Gnome 3 erleichtern sogenannte Metapakete die Einrichtung der Desktopumgebung. Leider ist die Benennung bei Gnome, KDE, Xfce und LXDE nicht einheitlich. Alle vier Desktopumgebungen haben unterschiedliche Vorstellungen, was Kernkomponenten oder Sonderausstattung ist.

Möglichkeit 1

aptitude install kdm kde-plasma-desktop
aptitude install kdm kde-plasma-netbook
Die Pakete kde-plasma-desktop und kde-plasma-netbook, welches speziell für den Einsatz auf Netbooks abgestimmt ist, stellen die minimale Auswahl an Basisanwendungen zur Verfügung, die die Entwickler und die Debianverwalter für sinnvoll und notwendig erachten um die KDE-Desktopumgebung zu betreiben.

Möglichkeit 2

aptitude install kdm kde-standard
Das Paket kde-standard enthält alle Anwendungen aus dem Metapaket kde-plasma-desktop und einige zusätzliche Programme, die in jeder Standardinstallation anzutreffen sind.

Möglichkeit 3

aptitude install kdm kde-full
Das Metapaket kde-full bietet schließlich den kompletten Rundumblick und enthält alle offiziellen Module der KDE-Desktopumgebung und weitere Anwendungen, die für einen Desktopbenutzer hilfreich sind.
Ich persönlich wähle gerne Alternative Nr. 2, wenn ich KDE ausprobiere. Erfahrene Anwender können mit einer Einzelinstallation von KDE-Paketen sicherlich ein noch schlankeres KDE installieren. Ich denke jedoch, dass weder Gnome noch KDE die Zielgruppe von “PowerUsern” sind und vielmehr die Konsistenz der miteinander interagierenden Programme und ein einheitliches Erscheinungsbild im Vordergrund stehen. Um die deutsche Lokalisierung zu installieren genügt ein
aptitude install kde-l10n-de

Eine Rundreise mit KDE

Für welches Metapaket man sich auch immer entscheidet, am Ende landet man beim Login-Bildschirm des Display-Managers KDM.
Loginmanager KDM
Nach Eingabe von Benutzernamen und Passwort wird der KDE-Plasma-Desktop aufgerufen. Dessen standardmäßiges Aussehen zeichnet sich vor allem durch das klassische Panel am unteren Bildschirmrand und einige optische Hingucker in Form von kleinen Miniprogrammen alias Widgets aus, die über den Knopf am oberen rechten Bildschirmrand frei auf der Arbeitsfläche positioniert werden können. Zur Verfügung stehen unter anderem eine Binäruhr oder die Möglichkeit Prozessorleistung und Speicherauslastung in einer Kugel darzustellen, viele weitere Widgets mit fortgeschrittenen Funktionen lassen sich direkt aus dem Netz herunterladen. Insgesamt geht das Einbinden leicht von der Hand und auch das Hinzufügen und Entfernen neuer Panel ist kein Problem.
KDE-Desktop mit Konqueror-Browser
Im Gegensatz zu Gnome 3 bieten sich mehr Einstellungsmöglichkeiten den Desktop an die eigenen Vorstellungen anzupassen, was man nicht nur an dem Menüpunkt “Systemeinstellungen”, sondern auch an den vielen KDE-Anwendungen selbst erkennt (sieht man einmal vom Dragon Player ab).
Systemeinstellungen und Startmenue
Es gibt zahlreiche auf den KDE-Desktop zugeschnittene Anwendungen, die man nicht alle in einem einzigen Blogbeitrag vorstellen kann. Meine Lieblingsanwendungen von früher sind Amarok und K3b. Erwähnenswert sind sicherlich auch Konqueror, ein Webbrowser, der sowohl die KHTML als auch WebKit-Engine benutzen kann, der Dateimanager Dolphin und KMail, eine funktionsreiche E-Mail-Anwendung, die Bestandteil des persönlichen Informationsverwalters Kontact ist.
KDE-Anwendungen KMail und Dolphin
Wie auch schon für Gnome bekannt, existiert für KDE mit kde-look.org ein spezieller Webauftritt, der sich ausschließlich der Gestaltung und Anpassung der Arbeitsfläche widmet.

Mein persönliches Fazit

KDE hat nicht den Ruf eine minimalistische Desktopumgebung zu sein und beansprucht bei meiner Testinstallation in Virtualbox für die i386-Architektur ca. 320 MB Arbeitsspeicher nach dem Login. Die Effekte passen sich zwar je nach Hardware an, für die Verwendung auf einer älteren Maschine gibt es jedoch schlankere und damit effizientere Alternativen. Ich persönlich benötige die vielen grafischen Spielereien und Überblendungen nicht und auch die Benachrichtigungen könnten dezenter sein. Insgesamt zieht es mich seit längerem mehr zu schlichterer und genügsamerer Software. Es macht jedoch Spaß dieses andere Konzept kennenzulernen.
KDE ist eine absolut vollwertige Desktopumgebung, die man entdecken kann und auch sollte. Das geschieht nicht an einem Tag, eher in Wochen, vielleicht sogar Monaten. Egal wie das Ergebnis dieser Entdeckungsreise aussieht, am Ende steht die Erkenntnis, dass es da noch ein ganzes Universum an Möglichkeiten gibt, wie man einen Computer benutzen und kontrollieren kann. Mit Debian und der Netzinstallation ist es jedenfalls kein Problem einen Blick über den Tellerrand zu riskieren.

Mageia: Die Magierin geht in die zweite Runde

Die Linuxdistribution Mageia hat vor zwei Monaten einjähriges Bestehen gefeiert und vor drei Tagen die erste Alpha ihrer zukünftigen Version 2 freigegeben. Da ich dieses Jahr schon einiges über Mageia gelesen hatte, dachte ich mir, dass ich selbst mal einen Blick darauf werfe und habe mir sowohl die alte 32bit-KDE-Ausgabe von Mageia 1 als auch die sehr neue Alpha angeschaut. Da das Team von Mageia ausdrücklich darum gebeten hat, keine Rezension über eine Alpha-Version zu schreiben, habe ich die Gelegenheit genutzt etwas in der Vergangenheit zu schwelgen.
Es ist ungefähr zehn Jahre her, dass ich meine ersten Schritte mit Linux und den Distributionen RedHat, SuSe Linux, Debian und Mandrake unternommen habe. Einige Zeit später wurde Mandrake dann in Mandriva umbenannt, ich war damals schon mit Debian sehr zufrieden, und spätestens mit der Veröffentlichung von Ubuntu 6.06 habe ich den Ursprung von Mageia ein wenig aus den Augen verloren. Letztes Jahr entschied sich dann ein Teil der Mandriva Community, unzufrieden mit der Strategie des hinter dem Projekt stehenden Unternehmens, sich abzuspalten und das Mageia-Projekt zu gründen.

Das alte und neue Mageia ähnelt sich optisch noch sehr, da das neue Design erst in einer späteren Testphase hinzugefügt wird. Der KDE-Desktop gibt, genauso wie bei dem vor ein paar Monaten vorgestellten Chakra Linux, den Ton beim Erscheinungsbild an, sofern man sich für die Live-CD mit KDE entschieden hat. Im Gegensatz zum Arch-Linux-Fork lässt sich der Mandriva-Fork schon mit weniger als 1GB RAM in Virtualbox testen, setzt aber genauso wie Chakra auf den KDE-Plasma-Desktop in der zur Zeit aktuellsten Version 4.7.
Als Alternative lässt sich auch Gnome 3.3.2 mit einer separaten Live-CD testen und insgesamt unterstützt Mageia auch noch viele weitere Desktopumgebungen. Der Mageia Kernel ist zur Zeit Linux 3.1.2. Etwas schmunzeln musste ich mal wieder über die Namensgebung der KDE-Programme, deren Schema sich leicht wiedererkennen lässt. 😛 KGet, Kopete, Konqueror, KMix, KOrganizer, KSnapshot und so weiter und so fort.

Am Auffallendsten ist sicherlich das Kontrollzentrum von Mageia. Hier werden alte Erinnerungen wach. Genauso wie bei Suse Linux und einer Reihe anderer RPM-basierter Distributionen gab es früher und heute einen zentralen Ort, mit dem sich alle Desktop- und Systemeinstellungen verändern lassen. Das macht es für Einsteiger oft einfacher den richtigen Schalter oder die gewünschte Funktion zu finden. Ich habe aber schon früh festgestellt, dass eine einzelne große und dazu noch grafische Anwendung schnell dazu führt, dass Einstellungen hinter der Schnittstelle verborgen werden und man in der Regel mit einem Texteditor und der Bearbeitung einer simplen Textdatei wesentlich schneller vorankommt. Aber wie so vieles, ist natürlich auch das Geschmackssache.
Wer noch keine RPM-basierte Distribution kannte, sollte sich irgendwann mal die Zeit nehmen und das Kennenlernen nachholen. Unter der Haube wird technisch manches anders gelöst, oberflächlich betrachtet ähneln sich natürlich die grafischen Konzepte, weswegen man als KDE-, Gnome-, LXDE- oder Xfce-Benutzer sich selten komplett umstellen muss, wenn man die Distribution wechselt. Einziges Manko ist meiner Meinung nach die noch dünne Dokumentation von Mageia, einem Download und ein paar Tests steht dem aber nichts entgegen.

Chakra: Energie mit Arch Linux und KDE

Vor einigen Tagen bin ich abtrünnig geworden und habe mir die Linuxdistribution Chakra GNU/Linux angeschaut, die sich vollkommen auf den KDE-Desktop konzentriert. Dabei hatte ich mich schon auf einen waschechten Verriss gefreut, denn Chakra verhielt sich äußerst merkwürdig in meiner Virtualbox Testumgebung. Zwar kam ich bis zum Login und konnte mich nach kurzer Suche nach dem Passwort im Internet auch einloggen, doch dann landete ich prompt wieder beim Loginmanager KDM. Der obligatorische MD5-Checksummen-Test konnte auch keine Fehler mit der ISO-Datei feststellen, weshalb ich noch einmal genauer nachforschte und die Systemvoraussetzungen fand.
Für eine Installation aus Virtualbox dürfen es schon mal 1 GB sein, auf jeden Fall war RAM die Ursache allen Übels. Natürlich war das mit dem Core Duo nicht wirklich eine Herausforderung und zur Sicherheit aktivierte ich auch gleich noch mal die 3D-Beschleunigung in Virtualbox. Danach war es kein Problem in die Live Umgebung zu gelangen. Später brannte ich das ISO auf eine CD, von der sich problemlos starten ließ. Die Benutzer sind übrigens “live” und “root” mit den gleich lautenden Passwörtern.


Das Chakra-Projekt entstand irgendwann im Jahr 2009 mit dem Ziel eine auf Arch Linux basierende KDE-Live-CD zu entwickeln. Später hat man sich entschieden eigenständig zu werden und sich von Arch Linux abzukoppeln, der Chakra GNU/Linux Fork war entstanden.
Die auffallendsten Merkmale der Live-CD entdeckte ich schon beim Booten. Chakra lässt dem Nutzer ausdrücklich die Wahl, ob er mit freien oder unfreien Treibern starten möchte. Danach ging es schnell direkt in den sehr ansprechend gestalteten KDE Plasma Desktop. Man kann über KDE vieles sagen, mangelhafte Optik assoziiere ich aber nicht damit.
Als ich später Chakra auch noch einmal auf CD brannte und ausführte, fiel der Ressourcenverbrauch von KDE nicht weiter ins Gewicht. Alle Programme hatten eine angenehme Startzeit und insgesamt ließ sich der gesamte Desktop flüssig bedienen.
Interessant ist der Spagat, den die Entwickler versuchen zu erreichen. Zum einen soll der Unterbau nach dem K.I.S.S. Prinzip wie bei Arch Linux gestaltet sein und technisch immer die einfachste Lösung gefunden werden. Zum anderen soll vermieden werden weitere Zwischenschichten einzubauen, die die Komplexität des Gesamtsystems weiter erhöhen und dennoch ein für das Auge wohlgefälliges Betriebssystem entwickelt werden.
Chakra ist kein reines “Rolling Release” System. Die wichtigsten Systemkomponenten wie z.B. der X-Server werden in einem Core Release stabil gehalten, d.h. erst nach einer längeren Testphase für ein Update frei gegeben, wodurch sich die Entwickler einen besseren Kompromiss zwischen Stabilität und aktueller Software erwarten.
Chakra bietet einige eigenentwickelte Werkzeuge an, darunter das Vorzeigeprojekt Tribe, ein auf QT4 basierender grafischer Installer, der im Hintergrund aber Bashskripte nutzt. Rein optisch gesehen ist Tribe bisher das Beste, was ich in dieser Form für den Linux-Desktop gesehen habe.
Natürlich könnte ich nun auch ätzen, inwiefern solche Optik nötig ist, wenn das automatisch nicht so leistungsfähige Hardware aussperrt. Schöner Schein für altbekannte Konfiguration? Gut, man muss klar sagen: KDE 4 ist wie das neue GNOME 3 keine echte Alternative für ältere Hardware, also für alle Pentiums, die einmal mit weniger als 512 MB RAM zu Recht kamen, aber immer noch wesentlich reaktionsfreudiger und leistungsfähiger als bekannte proprietäre Betriebssysteme.
Chakra und KDE möchten es aber auch nicht allen Recht machen. Entscheidet man sich für die beiden gibt es einen grafisch aufpolierten Desktop, mit dem jeder halbwegs moderne Rechner ohne Probleme nutzbar bleibt. Wer gerne bekannte GTK-Programme wie z.B. Gimp einsetzt, muss bei Chakra darauf auch nicht vollkommen verzichten. Zwar lautet die Devise: Keine GTK-Anwendungen, nur QT. Doch mit Hilfe vorgefertigter “Bundles” lassen sich diese KDE fernen Vorzeigeprojekte ebenso leicht auch bei Chakra installieren. Das Ganze ist eine Mischung zwischen den bei MacOS bekannten .img Dateien und einem abhängigkeitsauflösenden System wie bei Linux.
Viele weitere Informationen findet man bei Chakra entweder im Wiki oder im Forum. Leider gibt es dort noch viele Dokumentation nur in englischer Sprache. Wie bei allen Open-Source-Projekten wächst aber der Sprachumfang mit der Anzahl der Benutzer. Vergessen darf man auch nicht, dass Chakra nach wie vor im Alpha-Stadium ist und sich in Entwicklung befindet. Beschützt eure Hamster!
An Programmen kann man aus dem reichen Fundus des KDE-Projektes auswählen und natürlich durfte auch der gefühlt 23. Webkit-Browser namens rekonq nicht fehlen.
In jedem Jahr probiere ich immer mal gerne 2-3 Distributionen mit KDE-Desktop aus, nur um der alten Zeiten willen. Realistisch gesehen gibt es eine Grenze wie viele verschiedene Desktopumgebungen man tatsächlich nutzen möchte und kann. Um wirklich alle jederzeit präsent zu haben, müsste sich mein Hardware-Arsenal mindestens verdreifachen.
Auch wenn es wohl in Zukunft Gnome 3 mit Debian Testing auf meinem Multi-Boot-System werden wird, es war wieder mal nett einen Blick auf KDE zu werfen. Optisch hat es nach wie vor eine Menge zu bieten und wie oft schon erwähnt, das Gute an Linux ist: Die Wahl zu haben.