Die Vor- und Nachteile eines Multi-Boot-Systems

Mehr als ein Monat ist vergangen, seitdem ich Ubuntu 10.10 gegen ein Multi-Boot-System ausgetauscht habe. Falls ihr euch ebenfalls für ein solches System interessiert, findet ihr in diesem Beitrag eine Übersicht über die Vor- und Nachteile. Die gemachten Erfahrungen mit den drei neuen Betriebssystemen Ubuntu 11.04, Debian Testing und Arch Linux habe ich zusammengefasst und zu den einzelnen Schritten des Projekts verlinkt.

Warum überhaupt Multi-Boot?

Vorteile

Vergleichbarkeit: Mit einem Multi-Boot-System ist es unkompliziert sich die Vor- und Nachteile verschiedener Linuxdistributionen oder Desktopumgebungen unter realistischen Bedingungen anzuschauen. Zwar bieten Virtualisierungslösungen wie z.B. Virtualbox und Qemu einen weniger aufwendigen Überblick. Diese hinken in Sachen Performance einem Multi-Boot System in der Regel aber deutlich hinterher.

Klare Aufgabentrennung: Ein Multi-Boot-System eignet sich hervorragend, um typische Arbeiten am Computer zu trennen. So lässt sich ein Betriebssystem ausschließlich zum Arbeiten, ein anderes für Videobearbeitung und ein drittes vielleicht zum Spielen nutzen.

Flexibilität und Integrität: Nicht nur die Software kann flexibel an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden, auch unterschiedliche Dateisysteme können eingesetzt werden, um die Performance für spezielle Anwendungen zu erhöhen. Bei getrennten Partitionen und Betriebssystemen wiegt ein Schaden am Dateisystem weniger schwer und Fehler wirken sich nicht auf alle Daten gleichzeitig aus.

Sicherheit: Ein Multi-Boot-System kann so eingerichtet werden, dass nur diejenigen Anwendungen installiert sind, die man tatsächlich braucht. Was nicht installiert ist, kann auch nicht kompromittiert werden. Nutzt man ein System z.B. ausschließlich für private Korrespondenz und Büroarbeit lässt sich mitunter auf einen Browser und diverse Internet- und Multimediaanwendungen als potentielle Einfallstore für Schadsoftware verzichten.

Performance: Je nach Geschmack und Vorlieben lassen sich Multi-Boot-Systeme für ihren jeweiligen Anwendungszweck optimieren. Ein Linuxsystem für Spiele braucht z.B. keine Textverarbeitung, kein Multimedia, kein Emailprogramm und auch kein Compiz. Nur das Spiel, ein Terminal, eventuell IRC- und VoiP-Client der Wahl, der aktuellste Grafiktreiber und ein auf das notwendigste optimierter Linuxkernel sind wirklich notwendig.

Eingewöhnung: Gerade bei einem Umstieg von Windows oder Mac auf Linux oder zwischen zwei verschiedenen Linuxdistributionen, macht es Sinn für eine Übergangszeit zwei Systeme parallel zu nutzen, zumindest solange bis man sich an die neue Umgebung gewöhnt hat.

Nachteile

Mehr Aufwand: Für ein Multi-Boot-System fällt zusätzlicher Installations- und Konfigurationsaufwand an. Nicht nur muss der Installationsvorgang ggf. mehrmals wiederholt werden. Auch die Wartung, Pflege und Administration der Systeme kostet je nach Distribution und Vorstellungen zusätzliche Zeit. Noch nicht vertraute Konzepte anderer Distributionen müssen erst erlernt werden.

Reboot: Um das System zu wechseln ist immer ein Neustart notwendig. Auch das kostet Zeit und kann manchmal störend sein, wenn man „nur mal kurz“ etwas ausprobieren möchte.

Doppelte Funktionalität: Idealerweise gibt es für die Multi-Boot-Systeme jeweils einen spezifischen Verwendungszweck. Es besteht aber die Gefahr, dass Programme doppelt installiert werden und sich Aufgaben überschneiden. Beispiel Browser: Hiermit lassen sich schnell Informationen im Internet finden, was sowohl für reine Büroarbeit als auch für Videobearbeitung und Spiele sinnvoll sein kann. Um Redundanz zu vermeiden, muss man sich vorher genau überlegen, was man sich von seinem Multi-Boot System überhaupt erwartet.

Partitionierung und Installation

Debian Testing: Manuelle Partitionierung eines verschlüsselten LVM
Ubuntu 11.04: Download der Beta mit jigdo und Installation
Arch Linux: Installation mit der Multi-Arch CD

Überblick über das Partitionsschema

PartitionBeschreibung
/dev/sda1 (Primär)Unverschlüsselte Bootpartition für Debian Testing (ext2)
/dev/sda2 (Primär)Daten- und Austauschpartition zwischen den verschiedenen Distributionen (ext4)
/dev/sda5 (Logisch)LVM auf einem verschlüsselten Volume mit den Logical Volumes root, swap und home für Debian Testing
/dev/sda6 (Logisch)Ubuntu 11.04 installiert in eine logische Partition (ext4)
/dev/sda7 (Logisch)Swap Partition für Ubuntu 11.04 und Arch Linux
/dev/sda8 (Logisch)Arch Linux installiert in eine logische Partition (ext4)

Die drei Linuxdistributionen im Überblick

Debian Testing (Gnome 2 + Compiz)

Ursprünglich wollte ich Linux Mint Debian mit verschlüsseltem LVM installieren. Mit LMDE beschäftige ich mich seit Ende 2010 und habe mich dann auf Basis einer Debian Netzinstallation für „The Debian Way“ entschieden.

Nach einigem Rumprobieren und Abwägen zwischen Linux Mint Debian und dem reinen Debian, blieb ich schließlich bei Debian Testing. Zu gering erschienen mir die Vorteile und in der Tat war LMDE dann doch nur ein mint-meta Paket.

Debian Testing ist nun das Haupt- und Arbeitssystem, von dem auch die anderen Systeme mit Hilfe von GRUB im MBR eingebunden werden. Als Desktopumgebung nutze ich Gnome 2, das ich nach der Installation des gnome-core Pakets nur noch geringfügig konfigurieren musste, um die von Ubuntu gewohnten Eigenschaften zu erhalten. Zur Zeit bin ich wunschlos glücklich mit Debian und warte nun geduldig auf Gnome 3.

Ubuntu 11.04 (Unity+Compiz+Gnome)

Ubuntus Natty Narwhal dient mir seit neustem als Videoschnittplatz, worunter bei mir auch Bild- und Audiobearbeitung fallen.

Zukünftig möchte ich Ubuntu für die Realisierung kleinerer Videoprojekte einsetzen und dabei ausschließlich Open-Source-Software nutzen. Das Ganze ist ein Projekt im Entstehen. Sollten die Ergebnisse interessant und vorzeigenswert seien, gibt es eventuell auch einen Blogbeitrag. 😉

Die ersten Eindrücke zu Ubuntu 11.04 waren gemischt, aber mit ein paar kleinen Optimierungen lässt sich mit dem schicken Narwal leben.

Arch Linux (Gnome 3)

Arch Linux war schon seit längerem ein Testkandidat für mich. Obwohl etwas Einarbeitungszeit erforderlich ist, sind die erstklassige Dokumentation im Netz und das Ergebnis alle Mühen wert. Wer gar nicht auf ein gut getestetes Gnome 3 in Debian warten kann, hat mit Arch die besten Chancen die Zeit zu überbrücken.

Da ich Stabilität und Zuverlässigkeit bei Betriebssystemen sehr hoch einschätze, wird Arch vermutlich auch in Zukunft Debian nicht verdrängen. Zu unterschiedlich sind hier die beiden Ansätze. Das heißt nicht, dass Arch Linux notorisch instabil ist, aber allein aus grundsätzlichen Überlegungen kann ein Rolling Release, welches auf brandaktuelle Software abzielt, nicht genauso umfangreich wie Debian Stable getestet sein. Archs besonders hervorzuhebendes Qualitätsmerkmal ist die erstklassige Dokumentation. Für ein leichtgewichtiges Linux oder gerade wenn man auf neue Feature Wert legt, ist Arch mit Sicherheit eine Option, die man im Hinterkopf behalten sollte.

Fazit

Ein Multi-Boot-System ist nützlich, lehrreich und macht Spaß. So bleibt in Zukunft die Möglichkeit die Vor- und Nachteile verschiedener Distributionen unter realistischen Bedingungen zu testen. Insgesamt ist das Hauptsystem mit Debian Testing deutlich aufgeräumter und besser auf die Anforderungen angepasst als das eine Standardinstallation von Ubuntu naturgemäß vorher leisten konnte.

Die Reaktionsfähigkeit einer reinen Debian Installation gegenüber Ubuntu ist, nicht ganz überraschend, besser, obwohl es nicht leicht ist dieses Gefühl in Zahlen auszudrücken. Fakt ist aber auch, dass keine der Distributionen auch nur annähernd das gesamte Potenzial eines drei Jahre „alten“ Dual Core Rechners unter durchschnittlichen Bedingungen ausreizen musste.

Für mich funktioniert ein Multi-Boot-System momentan sehr gut. Wer den Aufwand scheut, wird die gleichen Probleme aber sicher auch anders lösen können.

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