Haiku: Poesie und ein freies Betriebssystem

Als Haiku bezeichnet man eine kurze japanische Gedichtform, deren Ideale stille Kraft, Eleganz und Einfachheit auch das gleichnamige Betriebssystem Haiku teilt. Es gehört zu der Gruppe von Freien Betriebssystemen abseits von Linux, die ich mir näher anschauen wollte, da Haiku nicht nur ein freies und quelloffenes Betriebssytem ist, sondern sich durch die geringen Hardwareanforderungen auch als Alternative zu Linux auf älteren Computern eignet.
Die Wurzeln von Haiku reichen in die 90iger Jahre zurück als BeOS sich aufmachte ein Konkurrent zu Microsoft Windows, MacOS und Linux zu werden. Be Inc., die treibende Kraft hinter BeOS, wollte das Beste aus allen drei Welten verbinden und richtete das Betriebssystem auf Privatanwender und den Heimbereich aus. Zentrale Merkmale des jungen BeOS waren ein sauberes und einheitliches Erscheinungsbild des Desktops und die besondere Ausrichtung auf Multimedia-Anwendungen.
Während Linux von seiner Vielseitigkeit und Freier Software profitierte, konnte das kommerzielle und proprietäre BeOS niemals die kritische Masse erreichen, um gewinnbringend am Markt bestehen zu können, weshalb 2001 Be Inc. Konkurs anmelden musste und die Entwicklung an BeOS offiziell eingestellt wurde.
In den Jahren des Bestehens gelang es BeOS jedoch, trotz wechselnder Ausrichtung auf verschiedene Zielgruppen, eine leidenschaftliche Gruppe von Benutzern und Entwicklern für sich zu gewinnen, die schon kurz nach dem Ende von BeOS zuerst OpenBeOS ins Leben riefen und dieses dann später in Haiku umbenannten. Die Idee zum Namen geht auf die Fehlermeldungen des BeOS eigenen Browsers NetPositive zurück, der diese in Form von Haikus darstellte. 2003 folgte dann eigens die Gründung von Haiku Inc., einem gemeinnützigen Verein, der durch öffentliche Spenden die Weiterentwicklung von Haiku bis heute unterstützt.
Wichtigstes Ziel von Haiku ist es BeOS so originalgetreu wie möglich nachzubauen und dabei die Stärken des einheitlichen Desktops in ein Freies Betriebssystem zu überführen. Viel Starthilfe im Sinne von Quellcode gab es leider nicht. Lediglich der Dateimanager und das Startmenü (Deskbar) wurden damals als Freie Software veröffentlicht, weswegen alle anderen Systemkomponenten inklusive Kernel, Dateisystem und Kernanwendungen von Grund auf neu geschrieben werden mussten. Damit ist Haiku ein von den verschiedenen Linuxdistributionen vollständig abgegrenztes und eigenständiges Projekt und unterscheidet sich auch deutlich von anderen BeOS-Nachfolgeprojekten wie z.B. ZevenOS, dass das Erscheinungsbild von BeOS zwar nachbildet, dabei aber beim Unterbau auf Ubuntu und Debian setzt.

Voraussetzungen und Installation

Laut offizieller Dokumentation wird zumindest ein Pentium III mit 256 RAM zur Inbetriebnahme empfohlen. Es gibt aber auch schon positive Berichte über 128 MB bzw. nur 64 MB RAM mit einem Pentium II Rechner. Wie der Zufall so spielt, benutze ich noch ein paar Laptops dieser Leistungsklasse, darunter auch den Dell Inspiron 4000, der für diesen Test wie geschaffen war.
Zum Herunterladen gibt es die zur Zeit aktuelle dritte R1 Alpha-Version von Haiku als empfohlenes “Anyboot-Abbild” und als ISO-Image, das sich auf eine CD schreiben lässt. Die Anyboot-Variante kann man auch auf USB oder, so wie ich es getan habe, direkt auf die Festplatte mit dd schreiben. Für alle, die sich nicht extra einen älteren Laptop zum Testen ersteigern wollen, bietet sich auch das Abbild für eine virtuelle Maschine an. Ein vorgefertigtes Image zum Ausprobieren für Virtualbox lässt sich auch von virtualboxes.org herunterladen, dass bei mir sehr gut funktionierte.

Ein Überblick

In meinem Fall gelang das Installieren von Haiku durch direktes Schreiben des Abbildes auf die Ersatzfestplatte des Laptops. Nach dem Einschalten begrüßt einen zu erst einmal der Bootsplash.

Trotz meiner immerhin 13 Jahre alten Ersatzfestplatte dauerte der gesamte Bootvorgang weniger als 30 Sekunden vom Start bis zum ersten Anblick des Desktops. Einen Loginmanager wie GDM oder KDM gibt es nicht. Haiku selbst ist zur Zeit noch ein Einbenutzer-System, erst später soll es möglich sein auch mehrere Benutzer gleichzeitig am Rechner arbeiten zu lassen. Eine Portierung auf andere Architekturen außer i386 hängt in großem Maße von der Zeit der Entwickler und weiterer Hilfe ab.
Es gab keine großen “Showstopper” während des Tests. Ich hatte Netzwerkzugang, konnte im Internet surfen und Filme abspielen. Die Anwendungen ließen sich flüssig bedienen. Lediglich das Herunterfahren dauerte unverhältnismäßig lange.

Arbeitsfläche

Haiku erinnert an mehr als nur einer Stelle an die Konzepte moderner Desktopumgebungen mit einer reinen Fenstermanager-Lösung. Wer Openbox oder Fluxbox kennt, wird sich schnell an das Rechtsklick-Menü gewöhnen. Anwendungen, Orte und Befehle lassen sich von dort aufrufen und ausführen.

Standardmäßig befindet sich am oberen rechten Rand die Deskbar, praktisch das Startmenü und die Taskleiste für Haiku. Je nach Vorliebe lässt sie sich ganz leicht mit der Maus an jeden gewünschten Bildschirmrand positionieren und so ausrichten, dass die Deskbar dem klassischen Erscheinungsbild entspricht. Fenster lassen sich wie bei Fluxbox gruppieren (Stack&Tile), so dass Webbrowser und Dateimanager in einem Fenster durch Tabs getrennt erscheinen und beide Anwendungen zusammen wie eine einzelne bewegt und verändert werden können. Das alles wird gut in Haikus Dokumentation zur Benutzeroberfläche erklärt.

Anwendungen

Haiku hat auch einige typische Unix-Elemente zu bieten. So gibt es zum Beispiel einen Terminal, indem sich bekannte Unix-Kommandos ausführen lassen, auch wenn nicht jeder gewohnte Befehl verfügbar ist.

Wie der Screenshot auch zeigt, ist der Ressourcenverbrauch von Haiku gering, so dass 256 MB RAM problemlos zum Ausprobieren ausreichten. Alle Bildschirmaufnahmen ließen sich mit dem Screenshot-Programm dokumentieren. Anschließend konnten sie entweder über den eingehängten USB-Stick oder per SSH auf einen anderen Rechner transferiert werden. Ein SSH-Server ist standardmäßig installiert.
Bei Verwendung von Datenträgern mit einem anderen Dateisystem als Haikus BFS, erscheint eine Warnung, dass man diese nur lesend einhängen sollte. Empfehlenswert, da Haiku noch in einem Alpha-Stadium ist. Ich hatte dennoch keine Probleme die Bilder auf den mit EXT3 formatierten Stick zu schreiben.

In Anlehnung an NetPositive heißt Haikus Browser “Webpositive“. Das Web leitet sich von der zu Grunde liegenden WebKit-Engine her, womit Webpositive jetzt wohl der 24. Webkit-Browser ist. 🙂
Das Surfen im Internet gelang auf Anhieb Dank der Möglichkeit eines kabelgebundenen Internetzugangs für meinen Laptop. WLAN funktioniert hingegen zur Zeit nur eingeschränkt unter Haiku. Es wird zwar sowohl unverschlüsseltes als auch nach dem WEP-Standard verschlüsseltes WLAN angeboten, jedoch ist letzteres nicht mehr sicher und da WPA noch nicht möglich ist, ist es auch nicht für den täglichen Gebrauch in unsicheren Netzwerken zu empfehlen.
Die Bilder lassen sich z.B. mit Wonderbrush nachbearbeiten, eines der vielen weiteren Programme, die mit Haiku mitgeliefert werden. Der Philosophie entsprechend gibt es für jeden Anwendungsfall ein Programm. Mit den Applikationen lassen sich die wichtigsten Standardaufgaben erledigen, auch wenn ein Audiorecorder oder das TV-Programm noch auf der ToDo-Liste stehen.

Da Haiku sich als freier Nachfolger von BeOS sieht, durften Multimediafähigkeiten nicht fehlen. Der Media-Player nutzt als Backend ffmpeg, kann damit alle gängigen Formate abspielen und ist für die Zukunft erweiterbar. Verschiedene Anwendungen lassen sich wie bekannt auf mehrere Arbeitsflächen verschieben, die sich in Haiku wiederum frei auf dem gesamten Desktop bewegen lassen.

Den Fensterrahmen kann man beliebig mit der Maus verschieben. Fenster lassen sich nur schließen oder mit der Zoom-Funktion automatisch an den Inhalt anpassen. Eine Verkleinern- oder Vergrößernfunktion sucht man vergeblich, ist aber auch unnötig. Insgesamt ließen sich alle Anwendungen ruckelfrei bewegen und in der Größe anpassen.

Dokumentation und Gemeinschaft

Die hier kurz angesprochenen Anwendungen sind nur ein kleiner Teil dessen, was man sonst noch mit Haiku entdecken kann. Der Webauftritt sowie die bisherige Dokumentation laden zum Stöbern ein. Haikus User Guide bietet einen guten Überblick zum Umfang des Projekts. Der meiste Text ist auch in deutscher Sprache verfügbar, auch wenn hier und da Englisch sicher nützlich sein kann. Mehr Bilder zu Haiku finden sich auch bei einem Rundgang mit der Haiku-Tour.
Kommuniziert wird über Mailinglisten, Foren und dem IRC. Regelmäßig finden auch Treffen statt, wie z.B. vor zwei Wochen BeGeistert in Düsseldorf.

Fazit

Die erste Frage, die sich wohl jeder stellt: Warum brauchen wir Haiku? Die Antwort geben die Entwickler in der FAQ als Antwort auf die Frage: “Why not Linux?” Ziel ist es ein kohärentes System zu schaffen, dass sich nicht in einer Vielzahl von Details und Einstellungsmöglichkeiten verliert, sondern schlicht und einfach funktioniert. Eine Aussage, die Haiku mit ReactOS, mit dem Code ausgetauscht wird, teilt.
In der Tat wollen viele Menschen einfach nur einen Computer haben, der funktioniert und für die es keine Rolle spielt, ob ein X-Server für die Darstellung der Grafik verantwortlich ist oder nicht. Haiku bietet mit seiner leichtgewichtigen und einheitlichen Oberfläche ein Argument für diese Benutzer.
Dennoch finden sich unter Linux ebenfalls sehr gute Distributionen, die ein ebenso vollständiges und leichtgewichtiges Desktoperlebnis garantieren. Ich denke, womit Haiku wuchern kann, ist die Tatsache, dass es eben nicht Linux, sondern etwas Eigenständiges ist. Wenn es nur darum ginge, dass immer nur die größten und am weitesten verbreiteten Betriebssysteme eine Chance bekommen sollten, hätte es Linux sicher auch nicht gegeben.
Haiku funktioniert schon sehr gut und verdient meiner Meinung nach mehr als nur einen Blick. Problematisch kann hingegen die Hardwareunterstützung sein. Größtes Problem von Haiku ist weder Konzept noch Technik, sondern Zeit und eine relativ kleine Nutzergemeinde. Vielleicht hilft der Artikel ein wenig positiv in diese Richtung. 😉
Ich kann Haiku für alle empfehlen, die ein leichtgewichtiges Betriebssystem suchen und mit dem jetzigen Alpha-Status umgehen können oder einfach nur das Besondere wollen. Es macht auf jeden Fall mehr Spaß über Haiku (und die japanischen Gedichte) zu lernen als die x-te Linuxdistribution anzutesten, die nur die Desktopumgebung austauscht.

Freie Betriebssysteme abseits von Linux

Vor zwei Wochen wurde ich in den Kommentaren zu dem 20 Jahre alten Highscreen Laptop darauf hingewiesen, dass ich bei all meinen Artikeln zur “Rettung” oder besser Weiterbenutzung älterer Hardware noch nie etwas zu FreeDOS geschrieben hätte. Das stimmt!
Bevor ich diesen Fauxpas jetzt wieder wett mache, möchte ich kurz die Gründe nennen, warum ich Betriebssystem X oder Linuxdistribution Y noch nicht hier erwähnt habe. Die Antwort ist vermutlich

  1. Ich kenne es nicht.
  2. Ich habe davon gehört, es aber noch nicht ausprobiert.
  3. Ich habe davon gehört, finde es aber nicht interessant genug.
  4. Ich kenne es, hatte aber bisher noch keine Zeit darüber zu schreiben.

Zuerst sei gesagt: “Namen sind Schall und Rauch”. Das meine ich auch so. Für mich ist nur wichtig, dass das Betriebssystem eine sinnvolle Verwendung der Hardware ermöglicht und Freie Software ist. Mein Schwerpunkt in diesem Blog liegt bei Linuxdistributionen, weil diese in der Regel sehr portabel sind und auf einer Vielzahl von Hardware die beste Kompatibilität und den größten Softwareumfang bieten. Außerdem sind die Synergieeffekte in der Regel größer, will heißen, Wissen über Linux lässt sich zwischen Distributionen viel leichter übertragen, selbst wenn es natürlich Unterschiede in der Umsetzung gibt.
Da ich nicht über etwas schreiben möchte, dass ich selbst noch nicht ausprobiert habe, fanden hier einige interessante Betriebssystem noch keine Erwähnung. Doch irgendwann vielleicht morgen, vielleicht in einer Woche, vielleicht aber auch erst in einem Jahr, werde ich sie mir näher anschauen. Bis dahin soll diese kurze Liste und ein paar Links die Zeit verkürzen.

BSD. Die Berkeley Software Distribution zählt nach Linux sicherlich zu den bekanntesten und verbreitetsten Freien Betriebssystemen. Im Allgemeinen bringe ich mit BSD die drei Projekte FreeBSD, OpenBSD und NetBSD in Verbindung. FreeBSD scheint das am meisten verbreitete der Drei zu sein. Zu OpenBSD erinnere ich mich immer an Linus Torvalds Spruch, der die Entwickler von OpenBSD schon mal als “masturbierende Affen” bezeichnet hat. Aber seine Aussprüche sind ja mittlerweile so legendär, dass er sogar in der Zitatesammlung bei wikiquote.org auftaucht. Ob die Entwickler von OpenBSD sich tatsächlich nur auf Sicherheitsaspekte und sonst nichts anderes konzentrieren, muss ich erst selbst noch herausfinden.

FreeDOS. FreeDOS ist ein Freies Betriebssystem, welches unter der GPL lizenziert ist und versucht eine freie Implementierung des nicht mehr weiterentwickelten proprietären MS-DOS zu erschaffen. FreeDOS konzentriert sich dabei auf 8086 bis zur i386 Architektur. Vom IBM PC mit nur 640k Arbeitsspeicher bis hin zu aktuellen Rechnern soll Hardware von FreeDOS unterstützt werden. Software wird in Paketen ausgeliefert. Darunter gibt es mit Arachne sogar einen grafischen Browser und E-Mail-Client. Besonders interessant dürfte FreeDOS sicherlich für alte DOS Spiele sein, die sich Dank der Kompatibilität zum proprietären MS-DOS weiterhin bewahren lassen. Da FreeDOS auch über einen Mediaplayer, Editoren (darunter sogar VIM!) und ein paar portierte Linuxprogramme verfügt, ist es für die Zukunft auf jeden Fall vorgemerkt.

Haiku. Haiku ist ein Open-Source-Projekt, welches BeOS als Inspirationsquelle gewählt hat, mit diesem aber so gut wie keinen Code teilt. Das Betriebssystem wird unter einer MIT-Lizenz zur Zeit aktiv entwickelt, befindet sich aber noch in einer Alpha-Phase. Haiku ist für den Einsatz auf 32bit PCs gedacht. Als Hardwareanforderungen werden ein PIII mit 256 MB RAM genannt, wobei aber auch ein PII mit 64 MB erfolgreich getestet wurde. Der Name leitet sich übrigens von einer japanischen Gedichtform ab.

Minix3. Minix gilt als eine der Inspirationsquellen für den Linuxkernel und wurde schon 1987 veröffentlicht. Im Laufe der Zeit hat sich dieses ehemals für Unterrichtszwecke gedachte Betriebssystem zu Minix3 weiterentwickelt, welches mittlerweile als Zielgruppe Computer mit beschränkten Ressourcen und eingebettete Systeme ausgerufen hat. Nur um mögliche Einsatzzwecke zu verdeutlichen, Minix1 treibt heute noch einen 286er Webserver an. 🙂

ReactOS. Was FreeDOS für MS-DOS ist, soll ReactOS einmal für Windows XP/2003 sein. Dieses soll sich so weit wie möglich im Erscheinungsbild und vor allem in der Kompatibilität wie Microsofts Windows verhalten. Dabei wurde es laut den Entwicklern von Grund auf neu entwickelt und wird unter einer freien GNU GPL Lizenz veröffentlicht. Einige Bestandteile des Codes stammen aus dem Wine-Projekt, zu welchem ReactOS nach eigenen Angaben auch Code beisteuert. Die FAQ beantwortet die drängendsten Fragen. Trotz der Antworten in der FAQ stellt sich für mich doch die Frage, warum man sich die Mühe macht von Grund auf neu anzufangen und bestehenden Code von Linux oder BSD ignoriert. Das Projekt befindet sich in einer Alpha-Phase und ist demnach mit Vorsicht zu genießen.
So weit nur ein kleiner Blick auf einige interessante Freie Betriebssysteme. Alle anderen, die ich nicht aufgezählt habe, lassen sich schnell auf Wikipedia.org finden. Ich denke, dort gibt es noch einiges mehr zu entdecken.
Als Schlusswort: Ich freue mich natürlich über jeden Kommentar, insbesondere auch diejenigen, die mich in eine neue Richtung stoßen. Ein Freies Betriebssystem, das keine Linuxvariante war, hatte ich aber schon vorgestellt. Wer etwas Zeit und Lust hat sollte sich auf gar keinen Fall KolibriOS entgehen lassen. Mit Sicherheit das beeindruckendste Freie Betriebssystem, dass ich bis dato gesehen habe. 🙂